Forschungsprojekt "Uniform in Bewegung"
Zum Prozess der Uniformierung von Körper und Kleidung.
Von 2002 bis 2006 wurde im Rahmen des Forschungsprojektes "Uniformierung in Bewegung. Über den Prozess der Uniformierung von Körper und Kleidung" über Uniformierungsprozesse in der Gegenwart geforscht. Das Forschungsprojekt, geleitet von Univ-Prof. Dr. Gabriele Mentges und Univ-Prof. Dr. Birgit Richard (Uni Frankfurt), wurde mit 550.000 Euro von der Volkswagenstiftung finanziert.
Es war eine Zusammenarbeit zwischen Instituten bzw. Textilwissenschaft und Medienwissenschaft. Fünf MitarbeiterInnen wurden hier auf jeweils 2 Promotionsstellen und 3 halben BAT IIA Stellen finanziert. Aus unserem Institut waren beteiligt
Heike Jenß M.A., Regina Henkel M.A. und Dr. Dagmar Konrad, Tübingen. Das Frankfurter Institut hatte einen Medienwissenschaftler und zwei halbe Stellen für die Vermittlung über die neuen Medien angestellt.

Die Anregung zu dem Titel stammt von Diderot, dem Verfasser der ersten wissenschaftlichen Enzyklopädie, in der er sich über den Begriff "Uniformität" auslässt. Darin kommt bereits zum Tragen, was für unser Projekt von Relevanz ist: die Uniformität als Konzept der Gleichheit, Einheitlichkeit, das er der "altérité", der Vielfalt gegenüberstellt. Der Begriff der Uniform - der auch alltagssprachlich immer wieder verwendet, aber nie präzisiert wird - beschreibt nicht nur ein vestimentäres Phänomen, sondern gilt bei Diderot zugleich als Begriff für die Bewegung im Raum: Uniform in Bewegung, eine für uns daher geeignete mehrdeutige sprachliche Metapher zur Beschreibung eines vestimenären Phänomens.

Aus der kulturanthropologischen Perspektive des Textilen werden hier Kleidungsbereiche betrachtet, in denen das Konzept der Uniformierung entweder neu angewandt wird wie z.B. in Wirtschaftsunternehmen (Corporate Fashion) oder aber, wie im Bereich der religiösen Kleidung, zur Zeit aufgegeben wird oder sich im Umbruch befindet. Auf der einen Seite werden erkennbare Kollektividentitäten hergestellt, auf der anderen, der religiösen Seite, passt man sich äußerlich an die Alltagsmode an. Die Markierung eines eigenen sakralen Feldes, was durch Kleidung seit Jahrhunderten dargestellt wurde, wird so auf einmal preisgegeben und das einst so offensichtlich gezeigte religiöse Bekenntnis "privatisiert". Im Bereich der Jugendkultur wird das Spannungsfeld zwischen Differenz und Uniformität untersucht, da viele Jugendszenen bewusst aus dem mainstream des Modekonsumangebots ausbrechen, um eigene Stile zu kreieren, mit denen sie allerdings wieder eine neue Uniformität produzieren. Umgekehrt suchen heutige Internet- und MedienkünstlerInnen bewusst mittels eines vestimentären Uniformierungsstils neue Ideen von Künstleridentitäten zu schaffen. (Uni Frankfurt)

Beabsichtigt sind mittels ethnographischer Feldforschung (Narratives Interview, teilnehmende Beobachtung, usw.) und ästhetischer Bildanalyse die Motive der verschiedenen Akteure, die Auswirkungen in ihrem Umfeld auf die Konstruktion von Identität zu beobachten und zu analysieren. Zugleich soll danach gefragt werden, inwieweit das westliche Konsummodell MODE, das kulturelle Verhaltensmuster produziert, Differenz überhaupt zulässt? Mündet diese zwangsläufig in die Dichotomie von Differenz und Uniformität, oder lassen sich andere Modelle von Differenz entwickeln, die dem anderen einen eigenen Raum zugestehen?

Um dieses Paradoxon der Mode, die auf Differenz abzielt und dennoch immer aufs neue Uniformität produziert (siehe Simmel) - wissentlich oder unwissentlich -, kreist die zentrale Fragestellung unseres Projektes. Eine weitere zentrale Frage betrifft die Konstruktion von Identität und Differenz im aktuellen Modesystem. Die Fragen werden vor allem an empirischen Feldern der Gegenwart abgehandelt.

Da die VW-Stiftung großen Wert auf eine innovative Form der Vermittlung gelegt hat, ist eigens eine Stelle für neue Wege der Vermittlung über die neuen Medientechnologien eingerichtet worden (Uni Frankfurt).

Wir wollen das Thema auch in das laufende Seminarangebot einfließen lassen und sind gespannt auf Anregungen von studentischer Seite.

Gabriele Mentges


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