Forschungsprojekt
Die Modernität der Tradition. Das textile Erbe Usbekistans als kulturelle und ökonomische Ressource

Projektleiterin:
Prof. Dr. Gabriele Mentges

Projektmitarbeiterinnen:
Dr.(Ing.) Lola Shamukhitdinova
Svenja Adelt, MA, wissenschaftliche Hilfskraft

Gefördert von der VW Stiftung, Laufzeit 2010-2012, Finanzvolumen: 247800 Euro

In Kooperation mit folgenden usbekischen Universitäten/Forschungsinstituten:

Taschkent Institute for Textile and Light (Apparel) Industry
Silk Technology Department


Bukhara Technological Institute of Food and Light (Apparel) Industry
Department "Technology of Apparel Industry"



Andijan Engineering Economical Institute
Textile Faculty



National Institute of Fine Art and Design named after K. Bekzod
Department "Design of Garment"



Uzbek Scientific Research Institute of Natural Fibers



Zur Modernität der Tradition. Traditionelle usbekische Textilkulturen als kulturelle und wirtschaftliche Ressource
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Die usbekische Regierung verfolgt als aktuelles zentrales Anliegen, die eigene Wirtschaft, den lokalen und globalen Markt nicht mit Baumwoll- oder Seidenrohstoffen zu versorgen, sondern mit vollständig konfektionierter Kleidung und textiler Fertigware. (Usbekistan ist eine der wichtigsten Weltproduzenten für Baumwolle und Seide.) Wegen der starken Konkurrenz auf dem Weltmarkt, mit China als einem der stärksten Konkurrenten, hat ein Land wie Usbekistan jedoch nur dann eine reale Chance, wenn es ein eigenständiges kulturelles Modedesign produziert, das es unabhängig macht von der Produktion mit Lizenzen. Wie auch in anderen asiatischen Staaten versucht daher die usbekische Textil- und Kleidungsproduktion verstärkt die eigenen kulturellen Ressourcen und vor allem das als usbekisch deklarierte textile kulturelle Erbe (Design, Stoffe, Technologien) zu mobilisieren, um einen Weg zu größerer wirtschaftlicher Selbständigkeit zu finden und ein eigenes Profil auf dem Weltmarkt herauszubilden.

Unser Projekt möchte diese Tendenzen unter zwei Perspektiven untersuchen:

1. Die kulturanthropologische Perspektive: Es sollen die aktuellen Konsumpraktiken in Bezug zu Mode sowie zu traditioneller Kleidung und Textilien untersucht werden. Folgende Fragen sollen beantwortet werden:

Wie gehen die lokalen Akteure unter den Bedingungen eines globalen Marktes mit textilen Traditionen um?

Wie stehen sie zu dem eigenen textilen Handwerk?

Wie werden dessen Produkte gesehen und bewertet? Welchen Einfluss übt der globale Markt auf das Kleidungsverhalten aus?

Welche kulturellen Muster werden durch die aktuellen Konsumpraktiken produziert hinsichtlich:
- der Unterschiede im sozialen Status?
- der Beziehungen zwischen der älteren und jüngeren Generation?
- neuer weiblicher Körper- und Geschlechterbilder?
- veränderter sozialer Stratifikationen zwischen den global orientierten Eliten und lokalen Bevölkerungsgruppen?

Ein besonderes Feld innerhalb dieses Fragekomplexes betrifft die sog. ABR-Textilen (usbekischen Ikats) im Hinblick darauf, wie die handwerklichen Technologien heute noch vermittelt und wie die Bedeutungskonstruktionen der Ornamentik der Ikats im Kontext der modernen visuellen Kultur verlaufen. Die kulturelle nationale usbekische Identitätssuche hat sich insbesondere auf diese ABR-Textilien mit ihrer spezifischen Ornamentik fixiert und wirbt verstärkt damit.

2. Die technologische Perspektive: Hier geht es um die praktische Anwendung der textilen Technologie und des Design mittels der neuen Computertechnologien, um ein modernes Konzept eines kulturellen Fashion Design zu entwerfen. Dabei soll dieses Fashion Design auch an den Strategien der Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.

Alle erhaltenen Daten werden in einer speziell dafür eingerichteten Datenbank gespeichert werden. Die modernen Technologien bieten Vorteile und Lösungen für die Speicherung, Ordnung und die Wissensvermittlung des Themas. Ein Projektziel gilt daher der Speicherung sämtlicher ethnographischer Daten in einer elektronischen Datenbank "Historische Datenbasis für Naturseide und die nationalen usbekischen Textilien". Die Grundstrukturen der Datenbank wurden vor kurzem erstellt. Es handelt sich um ein in Usbekistan bisher einmaliges Vorhaben, auch was die genannten Forschungsfragen anbelangt. Die Forschungen sollen integriert werden in das Teilprojekt zur wissenschaftlichen wie technischen Hochschulausbildung für künftige Designer/innen. Zwar gibt es Hochschulen für die Textil- und Kleidungsindustrie, aber sie sind vor allem spezialisiert auf Textiltechnologien. Entsprechende Konzepte für Designforschung entwickeln sich erst seit kurzer Zeit.

Als Ausbildungsziel strebt das Projekt die Erneuerung und Verbesserung der Seminarlehrinhalte an, sowie die Installierung von neuen Lehrmethoden und die Entwicklung neuer Lehrmaterialien. Dazu ist beabsichtigt, eine Datenbank über traditionelle usbekische Textilien aufzubauen, um sie Forschung und Lehre zur Verfügung zu stellen. Die Realisierung des Projektes setzt eine interdisziplinäre Kooperation von Wissenschaftlern und Lehrenden mit verschiedenen wissenschaftlichen Hintergründen voraus, wie die Kenntnis der Kulturanthropologie der Textilien, der Mode- und Kleidungsgeschichte, der textilen Technologien sowie die Kenntnisse von Textil- und Modedesign.